Faszienrolle

Die Faszienrolle – Ein Hype?

Die Faszienrolle – Ein Hype?

Spätestens seitdem die Spieler der Fußballnationalmannschaft mit einer Faszienrolle arbeiten ist das Thema Faszien in der Öffentlichkeit präsent. In diesem Artikel untersuche ich die Wirksamkeit und Nützlichkeit von Faszienrollen. Dabei gehe ich zunächst auf die Gründe für die Benutzung einer Faszienrolle ein. Anschließend analysiere ich verschiedene Erklärungen für einen Wirkungsmechanismus der Rolle. Darauffolgend gehe ich auf die aktuelle Studienlage zum Thema Faszienrolle ein und auf die Anwendung der Rolle in der Praxis.

Das DFB Team mit einer Faszienrolle; zeigt wie groß der Hype ist
DFB Team mit Faszienrollen

 

 

 

 

 

 

Was sind die Gründe für den Einsatz einer Faszienrolle?

Als Gründe für den Einsatz einer Faszienrolle werden folgende Punkte genannt:

  • die Reduktion von Muskelkater,
  • die Erhöhung der Beweglichkeit,
  • die Steigerung der Performance,
  • die Senkung des Verletzungsrisikos,
  • das lösen von Verspannungen,
  • die Straffung des Bindegewebes und
  • die Schmerzreduktion.

Dabei soll an all diesen Problemen die Faszie schuld sein.  Faszien sind kollagenhaltiges Gewebe, das die Muskulatur umhüllt und diverse weitere Funktionen erfüllt. Verklebte Faszien sollen dabei durch Bewegungsmangel, Überlastung, einseitigem Training, Fehlhaltungen,Stress und Schlafmangel entstehen. Diese Verklebungen (Adhäsionen) der Faszien sollen dabei die Muskelarbeit beeinträchtigen und zu Problemen in der Kraftübertragung von Muskel zu Muskeln und damit zur Störung der Koordination führt. Auch die Körperhaltung wird schlechter und die Steifigkeit des Körpers erhöht sich. Des Weiteren sollen die Faszien Schmerzen und Muskelkater verursachen. Sportverletzungen sollen hauptsächlich durch unbewegliche Faszien verursacht werden. 1

Wir wollen schauen, inwieweit diese Gründe für den Einsatz von Faszienrollen gerechtfertigt!

 

Wie wirkt eine Faszienrolle auf die Faszie?

Wie in meinem Artikel über Faszientherapie beschrieben ist der Wirkungsmechanismus der Faszientherapie (also auch einer Faszienrolle) nicht bekannt. Man weiß nur welche Mechanismen nicht in Frage kommen. Die am häufigst genannten Mechanismen für die Wirkung von Faszienarbeit sind mechanischer Natur. Diese sind jedoch widerlegt. Vielmehr scheint es so zu sein, dass die Wirkung der Faszientherapie über einen neurophysiologischen Weg verläuft. Dabei kommt es wahrscheinlich über die Stimulation von Mechanorezeptoren zu einer Entspannung der Muskulatur und Faszie. Jedoch gibt es noch keine definitiven Beweise, dass dies tatsächlich so abläuft. 2

 

Welche Nachweise für eine Effektivität einer Faszienrolle gibt es überhaupt?

In der momentanen Literatur wurden folgende Effekte der Faszienrolle auf:

  • die Flexibilität,
  • die Performance,
  • den Muskelkater und
  •  die arterielle Gefäßsteifigkeit untersucht.

Eine Auswirkung einer Rollmassage auf die kurz- und langfristige Steigerung der Flexibilität wurde in Studien untersucht. Eine kurzfristig anhaltende Verbesserung der Flexibilität konnte in den meisten Studien nachgewiesen werden. 3 Aussagen über optimalen Druck,  Länge der Flexibilitätssteigerung, oder die optimale Dauer der Rollmassage können leider nicht gemacht werden, da nicht genügend Studien vorliegen. Eine langfristige Steigerung der Flexibilität durch eine Anwendung der Faszienrolle über einen längeren Zeitraum ist bis jetzt nicht nachgewiesen. 4

Einen negativen Effekt auf die sportliche Performance konnte durch die Anwendung einer Rollmassage nicht nachgewiesen. 5 Das ist deshalb interessant, da (passives) Stretching zu einer Reduktion der Leistungsfähigkeit bei Kraft- und Explosivsportarten führen kann. Eine Rollmassage kann bei Kraft- und Explosivsportarten eingesetzt werden, um die Beweglichkeit zu erhöhen, ohne die Leistungsfähigkeit zu senken.

Die Ursache für Muskelkater ist nicht geklärt. Jedoch zeigt eine Studie von Gibson et al. 6, dass der Schmerz des Muskelkaters unter Umständen durch eine Verletzung Faszien bedingt ist. Jedoch ist sich die Wissenschaft noch nicht einig, über den Entstehungsmechanismus von Muskelkater. Interessanterweise lässt sich durch die Behandlung des Körpers mit einer Faszienrolle ein Muskelkater signifikant reduzieren. 7 Dadurch ist die Arbeit mit der Faszienrolle ein interessantes Hilfsmittel zur Verbesserung der Regeneration nachdem Sport.

Die arterielle Gefäßsteifigkeit erlaubt eine prognostische Aussage über das Risiko eine Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu bekommen. Die Selbstmassage mit der Faszienrolle führt zu einer Verbesserung der arteriellen Funktion. Jedoch ist die Anzahl der Studien die, diese Aussage belegen zu gering, um eine Empfehlung aussprechen zu können. 8

 

Wofür gibt es bis jetzt keine Nachweise?

Die Punkte: Senkung des Verletzungsrisikos, Lösen von Verspannungen, Straffung des Bindegewebes und Schmerzreduktion wurden bis jetzt nicht in Studien zur Faszienrolle untersucht. Jedoch kann man einige allgemeine Aussagen bezüglich der gemachten Punkte treffen.

Durch eine Behandlung der Faszien soll das Verletzungsrisiko beim Sport gesenkt werden. Da die meisten Sportverletzungen in den Bändern, Sehnen, Muskelfaszien, also im faszialen Gewebe stattfinden soll ein flexibles Fasziensystem helfen Verletzungen zu vermeiden. 9 Wir wissen jedoch, dass Stretching (ein weiterer Baustein der Faszientherapie) das Verletzungsrisiko nicht senkt. Ich glaube nicht, dass eine Faszienrolle das Verletzungsrisiko signifikant senken kann. Ob es zu einer kurzfristige Verbesserung der Beweglichkeit durch Stretching oder durch die Faszienrolle kommt, ändert nichts daran, dass das Verletzungsrisiko nicht sinkt. Andere Faktoren, wie Muskelkraft, Koordination und Trainingsplanung spielen eine wichtigere Rolle in der Prävention von Verletzungen.

Das Lösen von Verspannungen durch die Faszienrolle ist durchaus denkbar. In einer Studie zum Effekt der Massage auf die Muskelanspannung wurde gezeigt, dass Massage die Muskelspannung (wenn auch nur kurzzeitig) senkt. 10 Ähnliche Effekte sind auch bei der Faszienrolle anzunehmen.

Eine Straffung des Bindegewebes durch die Anwendung einer Faszienrolle halte ich für äußerst fragwürdig. Dieses Argument wird meist für Frauen die an Cellulite leiden gebraucht. In einer Übersichtsarbeit zur Behandlung von Cellulite kommen die Autoren zum Schluss, dass es keine effektive Behandlung der Cellulite gibt. 11 Interessanterweise waren in dieser Übersichtsarbeit auch 4 Studien enthalten, die sich mit dem Effekt von Massage auf Cellulite beschäftigt haben! Die Faszienrolle wird deshalb auch keinen Effekt auf Cellulite haben.

Die Faszienrolle zum Einsatz in der Behandlung von Schmerzen scheint plausibel. Eine Übersichtsarbeit 12 zum Thema Massage und Rückenschmerzen fand heraus, dass Massage eine positive Wirkung auf Rückenschmerzen hat. Es ist möglich, dass die Anwendung der Faszienrolle sich positiv auf Schmerzen auswirken kann.

 

Wie soll ich die Faszienrolle am besten einsetzen?

Der Einsatz einer Faszienrolle sollte sich nach den Zielen der jeweiligen Person richten. Die Evidenz für eine kurzfristige Steigerung der Beweglichkeit, ohne negative Auswirkung auf die Performance macht die Faszienrolle interessant als mögliches Warmup-Werkzeug. Jedoch sollte man sich fragen, ob die jeweilige Sportart überhaupt eine erhöhte Beweglichkeit erfordert. Laufen ist zum Beispiel eine Sportart für die eine erhöhte Beweglichkeit kaum wichtig ist. Deshalb sollte man sich fragen, ob die Faszienrolle hier einen Zusatznutzen bringt oder nicht. Die Reduktion von Muskelkater ist ein Punkt, der dafür spricht die Faszienrolle als Cooldown-Werkezug zu benutzen. Weitere Empfehlungen zum Benutzen der Faszienrolle kann man aus Sicht der noch recht dürftigen Beweislage nicht geben.

 

Fazit

Die Faszienrolle ist momentan stark gehypt. Viele der angepriesen Effekte der Faszienrolle sind wissenschaftlich nicht nachgewiesen oder widerlegt. Als Mittel zur (kurzfristigen) Steigerung der Flexibilität und zur Verhinderung von zu starkem Muskelkater ist die Faszienrolle zu empfehlen.

 

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Notes:

  1. Schleip R., Faszienfitness, Riva Verlag, 1.Auflage 2014
  2. Beardsley, Chris, and Jakob Škarabot. “Effects of self-myofascial release: A systematic review.” Journal of bodywork and movement therapies 19.4 (2015): 747-758.
  3. Cheatham, Scott W., et al. “THE EFFECTS OF SELF‐MYOFASCIAL RELEASE USING A FOAM ROLL OR ROLLER MASSAGER ON JOINT RANGE OF MOTION, MUSCLE RECOVERY, AND PERFORMANCE: A SYSTEMATIC REVIEW.” International journal of sports physical therapy 10.6 (2015): 827, Beardsley, Chris, and Jakob Škarabot. “Effects of self-myofascial release: A systematic review.” Journal of bodywork and movement therapies 19.4 (2015): 747-758.
  4. Beardsley, Chris, and Jakob Škarabot. “Effects of self-myofascial release: A systematic review.” Journal of bodywork and movement therapies 19.4 (2015): 747-758.
  5. Cheatham, Scott W., et al. “THE EFFECTS OF SELF‐MYOFASCIAL RELEASE USING A FOAM ROLL OR ROLLER MASSAGER ON JOINT RANGE OF MOTION, MUSCLE RECOVERY, AND PERFORMANCE: A SYSTEMATIC REVIEW.” International journal of sports physical therapy 10.6 (2015): 827, Beardsley, Chris, and Jakob Škarabot. “Effects of self-myofascial release: A systematic review.” Journal of bodywork and movement therapies 19.4 (2015): 747-758.
  6. Gibson, William, et al. “Increased pain from muscle fascia following eccentric exercise: animal and human findings.” Experimental brain research 194.2 (2009): 299-308.
  7. Cheatham, Scott W., et al. “THE EFFECTS OF SELF‐MYOFASCIAL RELEASE USING A FOAM ROLL OR ROLLER MASSAGER ON JOINT RANGE OF MOTION, MUSCLE RECOVERY, AND PERFORMANCE: A SYSTEMATIC REVIEW.” International journal of sports physical therapy 10.6 (2015): 827, Beardsley, Chris, and Jakob Škarabot. “Effects of self-myofascial release: A systematic review.” Journal of bodywork and movement therapies 19.4 (2015): 747-758.
  8. Beardsley, Chris, and Jakob Škarabot. “Effects of self-myofascial release: A systematic review.” Journal of bodywork and movement therapies 19.4 (2015): 747-758.
  9. Schleip R., Faszienfitness, Riva Verlag, 1.Auflage 2014
  10. Eriksson Crommert, Martin, et al. “Massage induces an immediate, albeit short‐term, reduction in muscle stiffness.” Scandinavian journal of medicine & science in sports 25.5 (2015): e490-e496.
  11. Zerini, Irene, et al. “Cellulite treatment: a comprehensive literature review.” Journal of cosmetic dermatology 14.3 (2015): 224-240.
  12. Furlan, Andrea D., et al. “Massage for low back pain: an updated systematic review within the framework of the Cochrane Back Review Group.” Spine 34.16 (2009): 1669-1684.