Arthrose Lüge

Die Arthrose Lüge von Liebscher und Bracht – Die nächste Lüge

Die Arthrose Lüge von Liebscher und Bracht – Die nächste Lüge?

Zum zweiten Mal befasse ich mich mit einem Buch von Liebscher und Bracht – “Die Arthrose Lüge”. 1 Meinen ersten Artikel zu Liebscher und Bracht (LuB) finden Sie hier. Schon der Titel des Buchs “Die Arthrose Lüge” suggeriert, dass die Allgemeinheit einer durch die Medizin verbreiteten Lüge aufgesessen ist. Die “Wahrheit” wird uns dann von Liebscher und Bracht erzählt. In dieser Rezension möchte ich die propagierte “Wahrheit” von Liebscher und Bracht kritisch analysieren. Zitate aus dem Buch “Die Arthrose Lüge” werden in kursiv dargestellt.

Die Neue Realität nach Liebscher und Bracht – Inhalt des Buchs

Liebscher und Bracht haben es sich zur Aufgabe gemacht, das unnötige Leiden durch Arthrose zu beenden. LuB betreiben nach eigenen Angaben seit 1986 Forschung und Entwicklung, um therapeutische Lösungen für die Schmerzbeseitigung zu entwickeln. Das Ergebnis nach LuB ist:

“Wir haben nun eine äußerst erfreuliche Nachricht für Sie: Das Problem der Arthrose und der Schmerzen ist gelöst.” (S.19). Es gibt nach LuB zwei Sichtweisen oder Realitäten zur Behandlung von Arthrose und Schmerzen: die nach Liebscher und Bracht und die “herkömmliche Sichtweise” der Medizin. Die Medizin sitzt nach LuB einem “Jahrhundertirrtum” auf: 

“Genau hier verhält sich alles ganz anders, als die meisten glauben. Viele denken: Ich habe Schmerzen, weil ich Arthrose habe. Das geht nicht nur den Patienten so. Auch die Fachleute, Ärzte, Physiotherapeuten oder Heilpraktiker, sind dieser Ansicht.”(S.20).

Auch die von der Medizin als Risikofaktoren für eine Arthrose benannten Ursachen sind nach LuB falsch. Fortschreitendes Alter (S.20), Gene (S.30) und Gewicht (S.32) spielen laut LuB keine Rolle bei der Entstehung von Schmerzen. Auch Begriffe wie Fibromyalgie, Chronifizierung und das Schmerzgedächtnis werden von Liebscher und Bracht als Erfindung bezeichnet und abgelehnt.(S.39) LuB haben jedoch die Antwort auf die dahinter liegenden Probleme:

“Wie heißt es so schön? Wer heilt, hat Recht. Was meinen wir mit Heilen? Ganz einfach: Wir beseitigen den Schmerz und stoppen die Arthrose. Und wenn es noch möglich ist, bringen wir den Körper sogar dazu, den Knorpel Stück für Stück wieder aufzubauen und – sehr langfristig – auch Knochen wieder zu verändern.”(S.22) und

“Wir befanden uns immer in der luxuriösen Situation, dass unsere Therapie funktionierte. […] Denn natürlich ist der herkömmlichen Schmerzforschung klar, dass es nicht die erstrebenswerte Lösung ist, Schmerz zu unterdrücken und Symptome zu operieren. Aber da sie keine Vorgehensweise kennt, Schmerzen auf natürliche Weise zu unterbinden, also wirklich zu heilen, ist sie relativ hilflos und kommt aus der Sackgasse, die Schmerzen auf tausenderlei Arten und Weisen unterdrücken zu wollen, nur schwer hinaus.” (S.41)

LuBs Antwort auf die Frage “Warum entsteht Schmerz?” ist, dass es durch mangelnde Benutzung des Körpers (und eine schädigende Ernährung) zu einer erhöhten Muskel-Faszien-Spannung kommt. Diese Spannung löst Schmerzen und Verschleiß aus. In ihren eigenen Worten:

Schmerzen und Arthrose entstehen durch die Nicht-Benutzung unseres Körpers, verstärkt durch schädigende Ernährung. Die Spannung der Muskeln und Faszien steigt. Knorpel und Bandscheiben werden überlastet, verschleißen und degenerieren. Die Faszien verfilzen. Nährstoffe und Stoffwechselabfall stauen sich in der Zwischenzellflüssigkeit, die zunehmend übersäuert. Die Zellen werden immer weniger gut versorgt und können Ihren Müll nicht mehr loswerden. Diesen Negativkreislauf stoppen wir und drehen ihn herum. Das Resultat: Willkommen im neuen Leben – schmerzfrei, gesund und voll beweglich.” (S.44)

Dabei ist es laut LuB wichtig, seine Gelenke über den vollen Bewegungsumfang zu bewegen. Ansonsten kommt es zu Verkürzungen der Faszien und einer Mangelernährung des Gelenkknorpels:

“Ein Gelenk, das so in all seinen möglichen Winkeln bewegt wird, hat keinen Grund, Arthrose oder Schmerzen zu entfalten. Es hält ein ganzes Leben lang, egal wie lange dieses Leben dauert. Der sogenannte physiologische (biologisch normale) Verschleiß, also ein minimaler Abrieb, wird durch Regeneration ersetzt.”(S.50) und

“Wir möchten an dieser Stelle nicht weiter ins Detail gehen. Nur so viel: Dass wir unsere Gelenkwinkel viel weniger nutzen, als genetisch vorgesehen, hat die Evolution noch nicht mal ansatzweise ausgleichen können.” (S.60)

Dazu kommen noch weitere indirekte Ursachen und Einflüsse, die zur Entstehung von Schmerzen führen. (S.64) Diese sind:

  • Ernährung (tierische Eiweiße, Weizen, Zucker, Konservierungsstoffe, Kochen, Benutzung der Mikrowelle),
  • Psychische Ursachen (Stimmungen, Traumen, seelische Einflüsse) und
  • Umwelteinflüsse (Strahlung, energetische Felder).

Als Lösung der Problematik von Schmerzen und Arthrose bieten LuB die von ihnen entwickelte Osteopressur, Dehnungsübungen und das Benutzen einer Faszienrolle an. Dadurch sollen Schmerzen komplett ausgeschaltet, Knorpel wiederaufgebaut und Knochenfehlstellungen (O-Beine) beseitigt werden. Eine Ernährung ohne tierische Produkte und Zucker (S.130) unterstützt den Heilungsprozess dabei weiter. Nahrungsergänzungsmittel stellen dabei auch eine unterstützende Möglichkeit dar. (S.136)

Andere Therapien (Physiotherapie, Osteopathie, Manuelle Therapie, Multimodale Behandlungen, Schmerzmittel, Krafttraining) haben laut LuB keinen (langfristigen) Einfluss auf Schmerzen und können diese nicht zuverlässig behandeln. Besonders Krafttraining ist nach LuB schädlich, da es die Muskel-Faszien-Spannung zusätzlich erhöht.

” Gerade was die Schmerzen angeht, sind die nicht medikamentösen Therapien [PT, Osteopathie, etc.] meist relativ unwirksam und deswegen für viele Patienten frustrierend. Viele unserer Patienten sind völlig verblüfft, wenn ihre Schmerzen schon nach der ersten Behandlung mit unserer Akuttherapie Osteopressur massiv reduziert oder sogar ganz verschwunden sind.” (S.97)

 

Was ist Positiv am Buch “Die Arthrose Lüge”?

Das Buch “Die Arthrose Lüge” ist übersichtlich aufgebaut. Das Buch ist in einen theoretischen und einen praktischen Teil gegliedert. Dadurch kann der Leser schnell seinen Interessen folgen und das jeweils für ihn Wichtige heraussuchen. Gerade der praktische Teil ist gut erklärt. Die Übungen sind gut beschrieben und bebildert. Die Ausführungsanweisungen für die Übungen sind genau beschrieben und nachvollziehbar. Ein weitere Stärke des Buchs ist die Betonung eines zu großen Teilen aktiven Therapieansatzes zur Behandlung von Schmerzen. Das deckt sich auch mit aktuellen Forschungsarbeiten zum Thema Schmerz.

 

 Was sind die Mängel des Buchs?

Die Mängel des Buchs sind zahlreich. Gehen wir die wichtigsten Mängel des Buchs Schritt für Schritt durch.

Die gesamte Ausrichtung des Buchs ist entzweiend. Es wird auf der einen Seite von der “richtigen” Realität nach LuB gesprochen und auf der anderen Seite von der “falschen” Realität der gesamten Medizin. Diese Vorgehensweise ist (vielleicht) im Marketing angebracht, um eine Produktdifferenzierung durchzuführen und neue Kunden zu werben. Aus wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Sicht deutet es eher auf Größenwahn hin. Natürlich wäre eine allumfassende Lösung für unsere Schmerzen fantastisch, jedoch muss man so eine Behauptung durch eindeutige Beweise untermauern. Diese liefern LuB leider nicht. Keine einzige Quellenangabe wird zitiert. Es wird sich rein auf die Erfahrung von LuB bezogen. So kann man nicht die Wirksamkeit einer Therapie belegen.

 

Ein weiterer Punkt, der auffällt ist, dass die Sichtweise der “herkömmlichen” Medizin verfälscht dargestellt wird. Arthrose wird von der Medizin als multi-kausales Geschehen betrachtet. Ärzte und Physiotherapeuten wissen ganz genau, dass eine Arthrose unter Umständen nicht klinisch relevant sein kann, jedoch gibt es auch Fälle, in denen eine Arthrose zu Problemen führen kann. So gaben bei einer Expertenbefragung 2 von 51 Arthrose-Experten aus 13 Ländern an, dass:

  • Arthrose nicht nur eine Krankheit des Knorpels, sondern des gesamten Gelenks einschließlich seiner Muskeln und Bänder ist.
  • Auf einem Röntgenbild sichtbare Gelenkschäden nichts darüber aussagen, wie stark die Arthrose den Patienten einschränkt.
  • Die Symptome einer Arthrose stark zwischen verschiedenen Personen variieren können.
  • Arthrose kein unvermeidlicher Teil des Älterwerdens ist.

LuB  tun so, als ob sie diese Erkenntnisse allein herausgefunden haben und die herkömmliche Medizin gegenüber diesen Tatsachen ignorant wäre. Das ist jedoch mitnichten so.

 

Laut LuB spielen fortschreitendes Alter, die Gene oder das Gewicht keine Rolle bei der Entstehung von Arthrose. Dazu liefern LuB nur Anekdoten und eigene Überlegungen:

Wenn andere Erklärungen fehlen, wird meist mit der genetischen Anlage argumentiert. (S.30)

Sehr viele übergewichtige Menschen haben keine Probleme mit Arthrose oder Schmerzen. (S.32)

Nur Übergewichtige mit festem Bindegewebe haben häufig Schmerzen und Arthrose. (S.32)

Die weitaus häufigsten Arthrosen sind Hüftgelenks-, Kniegelenks-, Schulter- und Fingergelenksarthrosen. Gestatten Sie uns einen Spaß: Wenn wir auf allen vieren laufen würden, wäre das ein Hinweis darauf, dass Übergewicht eine Rolle spielen könnte. Da wir aber die Computertastatur nicht mit dem Einsatz des Körpergewichts betätigen, ist die große Häufigkeit der Arthrose in den Finger- und Schultergelenken ebenfalls ein starkes Indiz gegen den vorherrschenden Einfluss des Übergewichtes. (S.33)

[…] dafür, dass da etwas nicht stimmen kann: Die Arthrose der Sprunggelenke ist deutlich seltener als die der Knie- und Hüftgelenke. Auf die Sprunggelenke wirkt jedoch das meiste Gewicht ein, sie müssten also stärker gefährdet sein als Knie und Hüfte. Dazu kommt, dass die Arthrose der Sprunggelenke vor allem als Folge einer Verletzung zu entstehen scheint. Also dadurch, dass der Knorpel selbst geschädigt oder Knochenverschiebungen stattgefunden haben. Ohne solche Verletzungen gäbe es daher noch weniger Fälle von Arthrose der Sprunggelenke. Die Gewichtsbelastung kann also keine große Rolle spielen.(S.33)

Aber schon vorab gibt es Indizien, die den herrschenden Glauben, das Alter sei der größte Risikofaktor für Arthrose, in Frage stellen. Das ist einfach die große Anzahl der Ausnahmen von dieser Regel. Es gibt jede Menge alte und sehr alte Menschen, die intakte Gelenke und keine Schmerzen haben.(S.35)

Arthrose ist nach wissenschaftlicher Ansicht eine multi-faktorielle Erkrankung. Verschiedene Risikofaktoren (RF) können dabei das Risiko an Arthrose zu erkranken verstärken.(Siehe Abbildung nach Johnson et al. 3)

Risikofaktoren für Arthrose

 

 

Dabei können alle der angegebenen Risikofaktoren für die Arthrose durch Studien belegt werden. 4 Das Alter 5 stellt einen großen und bedeutenden Risikofaktor für die Arthrose dar (siehe Abbildung). Auf der Abbildung 6 ist auf der y-Achse die Inzidenzrate(= Erkrankungen/Personenzeit unter Risiko) eingetragen und auf der x-Achse das Alter in Jahren. Dort sieht man deutlich die Zunahme von Hand-, Hüft- und Kniearthrose beider Geschlechter mit zunehmenden Alter.

Arthrose und das Altern

 

Die Gene bzw. die Genetik wurden auch in diversen Studien als deutlicher Risikofaktor für Arthrose identifiziert. 7

Übergewicht ist insbesondere für Knie- und Hüftarthrose ein deutlicher Risikofaktor. 8

Gerade beim Punkt Übergewicht liefern LuB keine Fakten, sondern nur die Bemerkung, dass Übergewicht kein Risikofaktor für die Entstehung von Arthrose sein kann, da:

  1. das Vorkommen von Hand- und Schulterarthrose auch relativ häufig ist, obwohl wir diese Körperteile nicht mit Gewicht belasten und
  2. die Arthrose der Sprungelenke deutlich seltener ist, obwohl sie durch das gesamte Körpergewicht belastet werden.

Zu 1. Das Vorkommen von Hand- und Schulterarthrose kann auch über andere Entstehungsmechanismen bzw. Risikofaktoren (siehe oben) erklärt werden. Dadurch allein kann die Häufigkeit dieser Arthroseformen erklärt werden, ohne dass man den Risikofaktor Übergewicht bemühen muss. Des Weiteren gibt es Hinweise darauf, dass Übergewicht über hormonelle  Faktoren zusätzlich zur Entstehung von Arthrose beitragen kann. 9 Zwei Studien zeigen beispielsweise, dass Übergewicht mit der Arthrose der Hand assoziert (= verbunden) ist. 10

Zu 2. Sprungelenk und Kniegelenk sind in ihrem Aufbau und ihrer Funktion sehr unterschiedliche Gelenke. Aus diesem Grund ist es durchaus denkbar, dass das eine Gelenk (Sprunggelenk) trotz gleicher Gewichtsbelastung deutlich weniger zur Entwicklung von Arthrose neigt. Es handelt sich hier um einen Trugschluss der Verallgemeinerung (Trugschluss der Komposition). Nur weil eine erhöhte Gewichtsbelastung durch Übergewicht bei Sprungelenken kein Risikofaktor ist, kann ich nicht automatisch verallgemeinern und sagen, dass Übergewicht für kein Gelenk ein Risikofaktor ist.

Es bleibt festzuhalten, dass in der aktuellen wissenschaftlichen Diskussion 11, die hier diskutierten Risikofaktoren (Gewicht und Alter) kritisch bzgl. ihrer Relevanz diskutiert werden. Jedoch ergibt sich daraus nicht, dass Alter und Gewicht keinen Einfluss haben. Diese Diskussion zeigt vielmehr, dass Arthrose eine vielschichtige Erkrankung ist mit noch vielen unentdeckten Variablen.

 

Liebscher und Bracht reduzieren die Entstehung von Schmerzen und Arthrose hauptsächlich auf den einen Faktor einer erhöhten Muskel- Faszienspannung. Diese erhöhte Spannung entsteht laut LuB durch einen Mangel der Bewegung aller Gelenke durch alle möglichen Bewegungswinkel. Eine mögliche Veranschaulichung des Modells könnte so aus sehen:

 

Schmerzmodell nach Liebscher und Bracht

Das Modell weist jedoch deutliche Mängel auf:

  1. Die ausschließliche Reduktion der Entstehung jeder Art von Schmerz bzw. Arthrose auf den Faktor Bewegungsmangel in allen Gelenkwinkeln ist mehr als fragwürdig. Natürlich stellt mangelnde Bewegung jeglicher Art einen Risikofaktor für die Entstehung vieler Erkrankungen dar. Jedoch wird beim LuB Modell auf die Wichtigkeit der Bewegung in alle möglichen Richtungen des Gelenks hingewiesen. Zu dieser Annahme, wie auch zu allen weiteren Annahmen, gibt es nicht irgendeinen Beleg oder Nachweis. Es wird  dabei lediglich aus einer sehr eingeschränkten Sichtweise heraus argumentiert. Dass man sich über alle Bewegungswinkel bewegen muss, um Schmerzen zu vermeiden ist, falsch. Man muss kein Beweglichkeitstraining zu machen, um die Alltagsbeweglichkeit zu erhalten (siehe dazu meinen Artikel zum Thema Stretching). Dass man über die Alltagsbeweglichkeit hinaus Beweglichkeit braucht, um keine Schmerzen zu bekommen, ist unbewiesen. Beweglichkeitstraining und Stretching ist darüberhinaus kein besonders gutes Mittel, um Verletzungen zu vermeiden. 12 Krafttraining, das von LuB abgelehnt wird, zeigt dagegen deutliche Effekte bei der Verletzungsprävention. 13
  2. Eine erhöhte Muskel-Faszien Spannung wird als alleiniger Auslöser von Schmerz und Arthrose gesehen. Damit wird den Muskeln und Faszien eine Wichtigkeit gegeben, die sie nicht haben. Anatomisch gesehen sind Muskeln und Faszien nicht einzigartiger als andere Gewebe, wie z.B. Knochen, Organe, Nerven etc.. Es gibt jedoch keine Hinweise, darauf dass Muskeln oder Faszien wichtiger als andere Gewebsarten sind.
  3. Es gibt deutliche Gegenbeweise, dass sich nicht alle Schmerzprobleme über biomechanische Faktoren erklären lassen können. 14
  4. LuB liefern keine Belege dafür, dass sie Muskel-Faszien-Probleme überhaupt einwandfrei erkennen können. Dass dies kein triviales Problem ist, zeigt sich sowohl im Bereich der Triggerpunkt-Therapie, aber auch bei der Faszientherapie. Beide Therapieformen haben Probleme damit, nachzuweisen, ob Muskel- oder Faszienprobleme überhaupt mit den Händen erspürt werden können. Dieses Problem trifft auch auf die Therapie nach LuB zu.
  5. Trotz der von LuB heraufbeschworenen Wirksamkeit von fantastischen 90 Prozent (zur Unsinnigkeit dieses Behauptung lesen Sie bitte meinen ersten Artikel zu LuB) Schmerzreduktion nach einer Behandlung nach LuB gibt es bis dato keine Studien, die zeigen dass eine Muskel-Faszienbehandlung nach LuB zu diesem Ergebnis führt.
  6. Es gibt keine Hinweise darauf, dass eine erhöhte Muskel-Faszien-Spannung zu Arthrose führt. Wie weiter oben bereits dargestellt, ist Arthrose eine Erkrankung, die viele verschiedene Ursachen haben kann und sich nicht auf einen Faktor reduzieren lässt.

 

Liebscher und Bracht werben damit, dass die Anwendung Ihrer Übungen (Faszienrolle und Dehnungsübungen) zu einer Neubildung von Knorpel und einer Korrektur von Skelettfehlstellung (O Bein-Korrektur) führt. Nachweise über diese Aussagen erbringen LuB, wie gewohnt, nicht. Gerade bei Behauptungen, die in der Medizin als unmöglich angesehen werden, sind stichhaltige Beweise unerlässlich! Nach der Logik von LuB müssten dann alle, die regelmäßig Yoga oder Stretching praktizieren, keine Arthrose haben. Das ist jedoch nicht der Fall.

 

LuB bezeichnen die Krankheit Fibromyalgie, als auch das Konzept der Chronifizierung (bzw. des Schmerzgedächtnises) als Erfindung. Mit dem Unsinn dieser beiden Aussagen habe ich mich schon in meinem ersten Artikel zu LuB auseinandergesetzt. Ich möchte an dieser Stelle jedoch auf einen Blogbeitrag einer Betroffenen mit Fibromyalgie hinweisen. In diesem Beitrag kann man sehr schön nachvollziehen, wie es aus der Sicht einer Betroffenen ist, wenn das eigne Leid als “Erfindung” abgetan wird. Das Einzige, was LuB tun, um Ihre Aussagen zu untermauern, ist die hundertprozentige “Effektivität” ihrer Behandlung bei diesen Problemen hervorzuheben. Ein Nachweis darüber bleibt aber aus!

LuB halten die “richtige” Ernährung für einen wichtigen Faktor zur Reduktion von Schmerz und Arthrose. LuB empfehlen dazu eine vegetarische bzw. vegane Ernährung. Wie im gesamten Buch wird die Auswahl der Ernährungsform nicht weiter faktisch begründet. Betrachtet man evidenzbasierte Ernährungsempfehlungen dann ergeben sich folgende Empfehlungen 15:

  • Reduktion des Übergewichts, am besten in Kombination mit einem Trainingsprogramm.
  • Reduktion des Plasmacholesterinsspiegels durch Ernährung.
  • Eventuelle Steigerung der Zufuhr von Omega-3-Fettsäuren durch den Verzehr von Fisch (zweimal die Woche).
  • Es sollte auf ein angemessenes Nivau der Sonneneinstrahlung zur Produktion von Vitamin D geachtet werden. Es besteht die Möglichkeit, Vitamin D als Nahrungsergänzung zu sich zu nehmen (≤ 25 µg/d).
  • Ausreichende Zufuhr von Vitamin K durch grünes Gemüse.

Bemerkenswert ist, dass hier keine vegane/vegetarische Ernährungsform vorgeschlagen wird. Des Weiteren kommt der Reduktion von Übergewicht eine Hauptrolle bei der Behandlung der Arthrose zu.

 

Nach LuB sind die herkömmlichen Therapien bei Arthrose nutzlos. Im Gegensatz zu der Therapie nach LuB (Osteopressur, Dehnungsübungen und Einsatz einer Faszienrolle) kann eine definitive Wirksamkeit eines Übungsprogramms (inklusive Krafttraining) bei bestehender Kniearthrose 16 und Hüftarthrose 17 festgestellt werden. Bei Hand- und Fingerarthrose ist die Beweislage noch nicht ausreichend, um starke Empfehlungen auszusprechen. Jedoch zeichnet sich ein positiver Trend für eine Wirksamkeit ab. 18 Besonders hervorzuheben ist die positive Wirkung von Krafttraining auf Arthroseschmerzen.  Das widerspricht der Auffassung von LuB vollständig. Krafttraining hat neben seinen diversen Gesundheitseffekten auch eine Wirkung auf diverse weitere orthopädische Krankheitsbilder (z.B. chronische Rückenschmerzen, Sehnenerkrankungen, Rehabilitation nach Gelenkersatz, etc.). 19 Die Rhetorik von LuB kann so Patienten davon abhalten, eine wichtige Therapieoption in Erwägung zu ziehen.

 

Fazit

Das Buch die “Arthrose Lüge” von Liebscher und Bracht hat nur wenige positive Seiten. Der theoretische Teil des Buches hat gravierende Mängel. Den Anspruch eine “Arthrose Lüge” aufgedeckt zu haben, ist misslungen. Liebscher und Bracht bringen eher weitere “Lügen” auf den Tisch, die keinen positiven Beitrag zu einer Lösung des Problems von Schmerzen und Arthrose leisten.

 

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Notes:

  1. Bracht, Dr. med. Petra; Liebscher-Bracht, Roland. Die Arthrose-Lüge: Warum die meisten Menschen völlig umsonst leiden – und was Sie dagegen tun können – Mit dem sensationellen Selbsthilfe-Programm – (German Edition) Goldmann Verlag. Kindle-Version.
  2. French, Simon D., et al. “What do people with knee or hip osteoarthritis need to know? An international consensus list of essential statements for osteoarthritis.” Arthritis care & research 67.6 (2015): 809-816.
  3. Johnson, Victoria L., and David J. Hunter. “The epidemiology of osteoarthritis.” Best practice & research Clinical rheumatology 28.1 (2014): 5-15.
  4. Johnson, Victoria L., and David J. Hunter. “The epidemiology of osteoarthritis.” Best practice & research Clinical rheumatology 28.1 (2014): 5-15.
  5. LOESER, RICHARD F. “The Role of Aging in the Development of Osteoarthritis.” Transactions of the American Clinical and Climatological Association 128 (2017): 44, Felson, David T., et al. “Osteoarthritis: new insights. Part 1: the disease and its risk factors.” Annals of internal medicine 133.8 (2000): 635-646.
  6. Felson, David T., et al. “Osteoarthritis: new insights. Part 1: the disease and its risk factors.” Annals of internal medicine 133.8 (2000): 635-646.
  7. Spector, Tim D., and Alex J. MacGregor. “Risk factors for osteoarthritis: genetics.” Osteoarthritis and cartilage 12 (2004): 39-44, Valdes, Ana M., and Tim D. Spector. “Genetic epidemiology of hip and knee osteoarthritis.” Nature reviews Rheumatology 7.1 (2011): 23-32, Williams, Charlene J. “The genetics of osteoarthritis.” Expert review of clinical immunology 3.4 (2007): 503-516.
  8. Jiang, Liying, et al. “Body mass index and susceptibility to knee osteoarthritis: a systematic review and meta-analysis.” Joint Bone Spine 79.3 (2012): 291-297, Afshin, Ashkan, et al. “Health effects of overweight and obesity in 195 countries over 25 years.” The New England journal of medicine 377.1 (2017): 13-27.
  9. King, Lauren K., Lyn March, and Ananthila Anandacoomarasamy. “Obesity & osteoarthritis.” The Indian journal of medical research 138.2 (2013): 185.
  10. Carman, Wendy J., et al. “Obesity as a risk factor for osteoarthritis of the hand and wrist: a prospective study.” American journal of epidemiology 139.2 (1994): 119-129, Grotle, Margreth, et al. “Obesity and osteoarthritis in knee, hip and/or hand: an epidemiological study in the general population with 10 years follow-up.” BMC musculoskeletal disorders 9.1 (2008): 132.
  11. Wallace, Ian J., et al. “Knee osteoarthritis has doubled in prevalence since the mid-20th century.” Proceedings of the National Academy of Sciences 114.35 (2017): 9332-9336.
  12. https://evidenzbasiertephysiotherapie.de/stretching-und-dehnen-ueberblick/ oder http://www.aspetar.com/journal/upload/PDF/201412891228.pdf
  13. http://www.aspetar.com/journal/upload/PDF/201412891228.pdf
  14. Lederman, Eyal. “The fall of the postural-structural-biomechanical model in manual and physical therapies: exemplified by lower back pain.” Journal of bodywork and movement therapies 15.2 (2011): 131-138, Moseley, G. Lorimer, and David S. Butler. “Fifteen years of explaining pain: the past, present, and future.” The Journal of Pain 16.9 (2015): 807-813.
  15. Rayman, Margaret P. “Diet, nutrition and osteoarthritis.” BMC Musculoskeletal Disorders 16.1 (2015): S7.
  16. Fransen, Marlene, et al. “Exercise for osteoarthritis of the knee.” The Cochrane Library (2015), Nguyen, Christelle, et al. “Rehabilitation (exercise and strength training) and osteoarthritis: a critical narrative review.” Annals of physical and rehabilitation medicine 59.3 (2016): 190-195.
  17. Fransen, Marlene, et al. “Exercise for osteoarthritis of the hip.” The Cochrane Library (2014).
  18. Nguyen, Christelle, et al. “Rehabilitation (exercise and strength training) and osteoarthritis: a critical narrative review.” Annals of physical and rehabilitation medicine 59.3 (2016): 190-195, Østerås, Nina, et al. “Exercise for hand osteoarthritis.” The Cochrane Library (2017), Magni, Nicoló Edoardo, Peter John McNair, and David Andrew Rice. “The effects of resistance training on muscle strength, joint pain, and hand function in individuals with hand osteoarthritis: a systematic review and meta-analysis.” Arthritis Research & Therapy 19.1 (2017): 131.
  19. Kristensen, Jakob, and Andy Franklyn-Miller. “Resistance training in musculoskeletal rehabilitation: a systematic review.” Br J Sports Med 46.10 (2012): 719-726.